Neunzig Jahre, und kein bisschen müde
Die Gäste erlebten ein kleines Fenster in neun Jahrzehnte gelebter Berufung – und in eine Klostergemeinschaft, die lebendig geblieben ist, weil Menschen wie Bruder Adolf sie tragen.
Rahel Wüst eröffnete den Anlass mit dem Lied «I han es Zündhölzli azündt» von Mani Matter – eine Wahl, die so klug wie humorvoll war. Denn Mani Matters Geschichte vom Streichholz, das fast eine Weltkatastrophe ausgelöst hätte, beschreibt auf ihre Weise auch das Wesen von Bruder Adolf: Aus dem Kleinen kann Grosses entstehen, wenn man es richtig anpackt. Oder eben: gottseidank jemand rechtzeitig aufgepasst hat.
Die Gäste lachten. Die Stimmung war von Beginn weg herzlich und nah – kein steifes Zeremoniell, sondern ein echtes Familientreffen. Und so war es auch gemeint. Bruder Adolf hatte Cousinen und Cousins eingeladen, Menschen, mit denen der Kontakt über viele Jahre eingeschlafen war. «Nun seid ihr hier, worüber ich mich sehr freue», sagte er später schlicht – und man merkte, dass er es so meinte.
Wer Bruder Adolf kennt, weiss: Er ist kein Mann der grossen Gesten. Sein Weg durch neun Jahrzehnte lässt sich vielmehr beschreiben als eine Abfolge von Aufbrüchen – ins Unvorbereitete, ins Unbekannte, ins Neue. 1963 schickte ihn das Kloster Sursee als Katecheten ins Luzerner Hinterland, zu Sechstklässlern, ohne katechetische Ausbildung.
Es folgten Jahrzehnte als Arbeiterseelsorger in Ob- und Nidwalden, als Pfarreiadministrator in Ennetmoos, als Erwachsenenbildner. Immer wieder neu anfangen, immer wieder zuhören, immer wieder mitplanen. Die Haltung dahinter blieb dieselbe: «Probieren, auch wenn es nicht immer gelingt.»
Sein theologisches Fundament ist dabei erstaunlich klar formuliert für jemanden, der – wie er selbst schmunzelnd feststellt – die franziskanische Spiritualität «nicht immer lebe»: «Glaube bedeutet Weg. Und Gott kennt mich und ist mit mir. Er weiss, was zu mir passt und was nicht.» Eine Theologie des Vertrauens, gewachsen aus konkreter Lebenserfahrung.
Zum Mittagessen sang Rahel Wüst fünf Lieder, die sie bewusst gewählt hatte. «Für immer uf di» von Patent Ochsner – ein Lied, das an die denkt, die nicht mehr da sind, besonders an die Mutter – und «Famili» von Kunz, ein Lied über Verbundenheit über Grenzen und Distanzen hinweg. Sie sang mit einer Wärme, die den Raum füllte. Es waren Momente stiller Berührung.
Die Geburtstagsansprache von Bruder George traf den Ton: respektvoll, liebevoll, und mit dem notwendigen Mass an Humor. Ja, Adolf sei mit 90 tatsächlich noch derjenige, der die Spülmaschine leert, der Gottesdienst feiert mit innerer Kraft, der beim Diskutieren wirkt wie mit vierzig. Und ja, es gebe auch die anderen Momente: die sorgfältig hinter der Wanduhr versteckte Grappaflasche, das Handy, das mitten im Gebet klingelt, die Banane um drei Uhr nachts.
Nicht Altersmüdigkeit, sondern gelebtes Leben. Bruder George fasste es am Ende so zusammen: «90 Jahre bedeuten neun Jahrzehnte Leben, Dienst, Glauben, Humor, Ecken, Kanten und eine Energie, die immer noch beeindruckt.» Als Geschenk der Gemeinschaft: zweimal Fitness, Wellness und Massage – «damit es vielleicht etwas weniger Spuren an deinem Kopf gibt.»
Bruder Adolf selbst ergriff nach dem Hauptgang das Wort. Kurz, direkt, dankbar. Er sprach von den Geschwistern und deren Kindern, vom verlorenen und wiedergefundenen Kontakt, vom Theologiestudium auf Französisch in Sitten – vier deutschsprachige Studenten, ein fremdsprachiger Freund, viel Lernen.
Das war Bruder Adolf in einem Satz: praktisch, fürsorglich, mit einem leichten Lächeln.
Herzlichen Glückwunsch, Bruder Adolf. Auf viele gute Jahre mehr.
- bruder george